- Docente: Robert Gisselbaek
Die höfische Literatur des hohen Mittelalters verbindet und legitimiert ihre unterhaltende Funktion stets mit didaktischen Ansprüchen, und gleichzeitig bewirbt sie ihre dargebotenen Lehren mit dem Genuss, der sich daraus ergeben kann (prodesse et delectare). Und während die geistlichen Lehrer und Ratgeber die weltliche Literatur recht gering schätzen und den deutlich höheren Nutzen theologischer und biblischer Bücher propagieren, durchziehen spannende, lustige und wundersame Anekdoten nicht zuletzt die Predigten der Kleriker als wirkungsvolles rhetorisches Mittel. Der Faszination von Geschichten kann sich offenbar niemand entziehen.
Von daher verwundert es nicht, dass literarische Texte in die mittelalterliche Erziehungspraxis einbezogen worden sind, dass wichtige Werke der höfischen Dichtung explizit ganz jungen Herrschern und Herrscherinnen gewidmet werden, und dass den poetischen Werken immer wieder Situationen des Studierens, Lernens und Lehrens inseriert sind.
Das Seminar fragt entsprechend nach dem engen Zusammenhang sowie der Wechselwirkung von Literatur und Bildung bzw. Erziehung. Der Blick richtet sich dabei auf didaktische Texte (Der Welsche Gast, Winsbeke), auf literarische Texte mit didaktischem Anspruch (Der meide kranz, Der Renner) und natürlich auf literarische Texte, die Bildung und Erziehung auf unterschiedlichste Art und Weise verhandeln (Gregorius, Tristan, Parzival etc.). Ziel ist es, dem Nutzen, der Funktion und der Bedeutung von Literatur für Bildung und Erziehung im Mittelalter nachzugehen.
